Nachruf auf Berlin

Lesen

…nich uff die Hertha, die is mir voll schnuppe

Wir atmen tief ein.
Wir atmen tief aus.
Wir heißen uns selbst “Willkommen zurück” zum Online-Rollenspiele Blog mit literarischem Schwerpunkt.
Wir raffen uns auf und versuchen wieder konstruktiv den Anschluss zu finden:
“Wir wollen wir Kinder sein!
Nämlich dumm und Eins-Dreissig.
Wir stellen uns neben die Fussbodenheizung und bräunen uns den Hals. Das ist nicht einfach so daher gesagt, das ist dumm.
Wir wollen dumm sein!
Wir gehen auf eine türkische Hochzeit und zuppeln den Männern an ihren Schnauzbärten. Dankbar lassen wir uns die Fresse polieren und hinken von dannen.
Dort draussen atmen wir tief durch. Wir geben unserem Atem einen neuen Namen:
Wir atmen einen Lutz.”

- Rainald Grebe, Gott und Berliner ehrenhalber -

Ich gebe es zu, ich war zutiefst antriebslos und bin es eigentlich jetzt noch. Nicht nur, was dieses Blog betrifft, sondern generell. Keine Ahnung, was los ist, vielleicht habe ich mir eine akute Frühjahrsmüdigkeit eingefangen, eventuell ist es aber auch irgendetwas ganz dramatisches – ich neige ja zur Hypochondrie, habe ungefähr alle zwei Wochen einen eingebildeten Hirntumor, phantasierten Blutkrebs und jetzt wohl eine imaginäre Depression. Gegen letzteres hilft bekanntlich einzig und allein das Aufraffen und jenes tatkräftige “Ins Leben Stürzen” …neben Psychopharmaka, die allesamt fett machen und damit nur zu weiterer Niedergeschlagenheit führen würden.

Also widmen wir uns flugs dem Besteigen der angehäuften Berge, überspringen vorerst die Themen der Bücherwoche 26 (welches mich arg ins Straucheln brachte und mir immer noch Kopfzerbrechen bereitet) und auch die Nummer 27. Wir wollen uns zunächst lustigen Sachen widmen. Dingen, die Aufheitern und ganz nebenbei Kraft geben – mir jedenfalls. Fast passend zum Thema des Meisters der abgehobenen Themenvorschläge aka Aga Krötengeneral:

Bescheuerte Buchtitel

bekam ich gestern ein gedrucktes Exemplar einer meiner liebsten Hörstücke in die Hände. Verfasst von einem meiner persönlichen Götter oder Götzen, wie auch immer das theologisch korrekte Denotat hier zu lauten hat, der hohen bekloppten Literatur (bekloppte Literatur, die: höchste Kunstform innerhalb der chaotischen Dichtung ….Verzeihung, ich bin auf Käptn Blaubär hängengeblieben):

Ahne
“Zwiegespräche mit Gott”

und

“Neue Zwiegespräche mit Gott”

Ja, liebe Unken, so bescheuert ist der Titel nicht, dafür aber die Dialoge – bekloppt aber genial und irgendwo tief politisch wie poetisch. Zudem hat mich die Lektüre der kurzen Stücke gestern wieder soweit motiviert, dass ich meine Lethargie durchbrechen konnte, um zurückzukehren in die Blogosphäre – es zählt also.

Achtung! Nun wirds widerwärtig lokalpatriotisch

Wer Ahne nicht kennt, hat erstens gehörig was verpasst, zweitens sicher keinen tieferen Bezug zu Berlin und wird drittens umgehend aufgeklärt:


Eine kleine Hörprobe vorweg

Ahne is eena von die Surfpoeten, von die janz alte Garde da, also Mitbegründa quasi – und Ahne, ihr ahnt es schon, der berlinat janz dufte, so wie alle in meiner Vergangenheit, als Berlin noch nicht gefühlt komplett aus Schwaben, Bayern und Spaniern bestand. Manchmal fühlt man sich hier ja schon wie der letzte Mohikaner. Berliner gibt’s hier kaum noch. Die sind alle ausgewandert. Nach Schwaben und Bayern und Franken und so …seit dit da keene Ureinwohner mehr jibt, sollet wohl janz jemütlich dort zujehn.

Urgesteine wie der Ahne geben einem jedenfalls dieses verloren geglaubte Heimatgefühl zurück – auch wenn ich von diesen patriotischen Floskeln, wie “Heimat” eher Würgereize bekomme, mir fällt grad kein anderes Wort ein, was diese verspürte Entwurzelung besser fassen kann.

Buchvorlesung

Einladung zu einer der Buchvorlesungen - es liest Ahne - als Gott und als Ahne

Die Zwiegespräche mit Gott sowie die neuen Zwiegespräche sind allesamt so geschrieben, wie der Radiomoderator und Lesebühnen-Aktivist auch redet, also volles Rohr im Dialekt. Der Inhalt ist mal plätschernd irrelevant und manchmal zutiefst sozialkritisch. Da wird sich neben Theologie auch mit politischem Tagesgeschehen aus aller Welt, der lokalen Gentrifizierung und dem ganzen Quark auseinandergesetzt, welcher so den gesamtgesellschaftlichen Kosmos färbt. Mit flapsiger Berliner Schnauze und einem non-chalantem Umgang mit Gott, der übrigens in der Nähe der Zionskirche in Berlin Prenzlauer Berg wohnt und manchmal ziemlich radikale oder auch weltfremde Ansichten hat. Eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Atheismus (…oder in dem Falle eher Agnostizismus?), aber auch sonstigen Zweifeln, die man halt mal mit wem bereden müsste – und wer bietet sich da in der zunehmenden Anonymisierung jener Hauptstadt besser an als olle Gott? – Eine Rückbesinnung auf alte Werte ohne Rückfall in archaische Verhaltensmuster.

Prädikat: ust jut, wenn nich gar übelst knorke.

2 Responses to 'Nachruf auf Berlin'

  1. erinnersich says:

    da fällt mir doch folgendes Zitat ein, auch wenn es nicht passt, aber der Einfall zählt : ” Haben hier Großstadt, leben, arbeiten, aber Großstadt nicht offenherz. Überall Menschen. Menschen sind Menschen, nicht große Häuser. Ist Tomaten, ist viele Menschen, ist Tanzen, ist Musik, ist Kartoffeln. Darum Menschen ist Menschen. Kapiert?”

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